Freitag, 21. Dezember 2012

Zur Kritik des Privateigentums II


Um die zweifelhafte Errungenschaft des Privateigentums zu stabilisieren ist noch etwas sehr wichtig: der Grundsatz: wenn Du etwas haben willst, musst Du etwas dafür hergeben. Wir bezeichnen diese Regel als Handel, die Plätze, wo sich solche Vorgänge in größerem Ausmaß ereignen, als Märkte und die Gesamtheit dieser Vorgänge plus der im Laufe der Zeit hinzu gekommenen Zusatzerfindungen in unüberschaubarer Anzahl — und mit unüberschaubarer Konsequenzen — als Wirtschaft.

Diese Regel wird oft als Naturgesetz erlebt. Tatsächlich kommt sie aber nirgendwo in der Natur vor: die Kuh muss nicht eine bestimmte Menge Dünger scheißen, damit sie eine bestimmte Menge Gras fressen darf; Biber müssen den Flussabschnitt nicht kaufen, auf dem sie ihren Damm bauen. Es handelt sich um eine rein menschliche Erfindung, die jederzeit wieder abgeschafft werden könnte, von uns Menschen. Auch kleine Kinder stehen dem ziemlich verständnislos gegenüber, irgendwann findet sie sich dann damit ab, dass "es eben so" ist.

Das Wort "Wirtschaft" ist sprachgeschichtlich eine Ableitung vom Wort "Wirt" und bedeutete bis zum 17. Jhdt die Tätigkeit des Hausherrn und des Wirtes, auch das Gastmahl. Es geht zurück auf eine indogermanische Wortwurzel, die seinerzeit bedeutete "Gunst" und "Freundlichkeit". Von dieser Wortwurzel kommen auch die Wörter "wahr" (siehe auch "bewahren"), die griechischen Wörter für "einen Gefallen tun", die slawischen Wörter für "Glaube", sowie auch althochdeutsch für "Vertrag" und "Treue".

Wirtschaft bezeichnete also ursprünglich einen wahrhaftigen Dienst am Menschen, dem grundlegende ethische und gesellschaftliche Werte zugerechnet wurden: Glaube, Wahrheit, Treue, Freundschaft, Dienst. Wie weit haben wir uns heute davon entfernt!

Als höchste Abstraktion von Handelsware wurde Geld entwickelt. Handel und Geld gibt es schon seit der Steinzeit, also seit mindestens 10.000 Jahren, wahrscheinlich bedeutend länger.
Man kann sich vorstellen, dass das Paradigma, man müsse etwas dafür hergeben, wenn man etwas bekommen wolle, vielleicht in Mangelzeiten (Eiszeit) ein Überlebensinstrumentarium dargestellt haben mag. Vielleicht hat es sogar wesentlich dazu beigetragen, dass der Mensch die führende Spezies auf diesem Planeten wurde: wenn man nichts mehr herzugeben hat, muss man in letzter Konsequenz sterben, weil man von niemandem mehr etwas bekommen kann (Das ist auch heute gültig: Obwohl die gesamte Agrarproduktion der Erde mehr als 12 Milliarden Menschen ernähren kann verhungert alle 5 Sekunden irgendwo ein Kind. Die Sorgepersonen haben nichts zu geben.). Das ist schon eine starke Motivation. Und es sorgt auch dafür, dass diejenigen, die sich leichter, besser, schneller Eigentum verschaffen und bewahren konnten, eher überleben. Es fördert in hohem Maß die Werte Konkurrenz, Eigennutz, Gegnerschaft und direkt auch Hinterlist, Betrug, Diebstahl, Lüge, Mord.

Schon das Römische Recht hatte man in 5 Hauptabschnitte eingeteilt. Ganze drei davon beschäftigten sich direkt mit Geld, Handel, Eigentum.

Und es führt direkt zum Missbrauch: damit einem selbst etwas bleibt ist es dauerhaft erforderlich, mehr zu bekommen, als man gibt. Das führt direkt zur Entzweiung unter Menschen. Dieses ständige, über Jahrtausende andauernde kleine Übervorteilen und ein wenig Betrogenwerden höhlt die Selbstachtung aushöhlt und behindert die freie Kommunikation schwer: Geheimnisse, Verschwiegenheiten, Geheimbünde, “Privatheit”, Verheimlichungen schieben sich seit Tausenden von Jahren zwischen die Menschen.

Erfolgreich sein heißt, den eigenen Besitz aufkosten anderer, am besten der Allgemeinheit, zu vermehren: wenn Dietrich Mateschitz die Gemeinkosten für das Wegräumen der von ihm produzierten Aluminium-Müllhalden bezahlen müsste sowie die Umweltschäden, die bei deren Produktion anfallen, und die ungeheuren Strom-Produktionskosten, könnte er sich wahrscheinlich kaum einen weiteren Tag seines Geschäftes leisten.

Wenn die Hersteller von Privatautos oder die privaten Eigentümer die ungeheuren volkswirtschaftlichen Kosten, die sie verursachen, auch selbst zahlen müssten, würden sicherlich nur mehr ganz wenige Privatautos zu sehen sein.

Alles das und noch viel mehr zahlt die Allgemeinheit. Dagegen wäre nichts zu sagen: eine Gesellschaft entscheidet selbst, was sie sich leisten will. Aber es geschieht heimlich, hinterrücks, versteckt — es ist einfach Diebstahl.

Und da man mehr Geld verwenden kann, um mehr Macht auszuüben (zur Erinnerung: Menschen sind durch die Lebensnotwendigkeit von Eigentum an Tauschware jederzeit erpressbar; Timothy Leary bezeichnete deshalb Papiergeld als “Bio-Überlebenscheine”) fällt es umso leichter, diese Diebstähle zu verheimlichen, je mehr Geld man besitzt: durch Werbe- und Imageagenturen, durch Gleißen und Glitzern in der Öffentlichkeit oder durch kosmetische Operationen, die zeigen, wie schön man sein kann, wenn man andere Menschen nur ausgiebig genug betrügt (zeitgemäßes abschreckendes Beispiel: Silvio Berlusconi).

Montag, 12. November 2012

Zur Kritik des Privateigentums I


Seit mehr als 6 Jahren besitze ich kein eigenes Auto mehr; ich fahre fast ausschließlich — und wirklich gerne — mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Ein sehr oft benutzter Umsteigepunkt ist für mich die Pilgrambrücke im 5. Wiener Gemeindebezirk. Auf engem Raum befinden sich hier fünf Verkaufstände für Essen & Trinken verschiedener Art. Während des Wartens auf den Bus sehe ich streunende Katzen und Hunde umherschnüffeln, aufnehmen und essen, wenn sie etwas Genießbares finden, ihre Ausscheidungen hinterlassen. Ab und zu huscht, eher abends, auch mal eine Ratte vorbei mit Essensresten im Maul. Unter mir, im Bett des Wienfluss-Kanals kreisen Möwen auf der Suche nach Nahrung und finden sie auch reichlich.

Diese Vorgänge finden wir Menschen ganz natürlich und denken nicht weiter darüber nach. Wieso auch, alle Lebewesen in der Natur verhalten sich schließlich so: nehmen sich, was sie brauchen und wollen, lassen liegen, was sie nicht mehr benötigen oder benützen. Auch ihre Bauwerke und andere Schöpfungen geben sie einfach an die Allgemeinheit weiter: Biber bauen jedes Jahr neu Dämme, viele Spinnen weben täglich ein neues Netz, Füchse und Dachse geben ihre Höhlen auf und ziehen weiter.

Aber nicht alle Lebewesen verhalten sich so, der Mensch macht es anders: er hat das Privateigentum erfunden.

Eigentum bezeichnet das umfassendste Herrschaftsrecht, das die Rechtsordnung an einer Sache zulässt. Mehr Herrschaft über eine Sache kann man nicht haben. Folgerichtig: alle Menschen außer dem Eigentümer haben die wenigstmögliche Form von Herrschaftsrecht an dieser Sache, also keines. Und da dieses Herrschaftsrecht nicht zeitlich begrenzt ist, kann ein Eigentümer sein Eigentum, wenn er es will, bis in Ewigkeit anderen Menschen entziehen.

Privateigentum ist Diebstahl” sagt deshalb Pierre-Joseph Proudhon (französischer Ökonom und Soziologe, 1809-1865), vor ihm schon Jacques-Pierre Brissot de Warville, genannt Brissot (Publizist und Journalist, 1754-1793) deutlicher: «La propriété exclusive est un vol dans sa nature.» (Das Privateigentum ist Gewalt an der Natur) und noch früher Basilius von Caesarea (Asket, Bischof, Kirchenlehrer und einer der bedeutendster Kirchenmänner überhaupt, 4. Jhdt): «klopê gar hê idiazousa ktêsis» (Diebstahl ist der eigentümliche Erwerb).

Diese exklusive Idee des Frühzeit-Menschen (man weiß bis heute nicht, wann, wo, wie und, vor allem, warum sie entstanden ist) benötigt eine große Menge an zusätzlichen Erfindungen, sonst würde sie garnicht funktionieren. Die wichtigsten sind der Eigentumserwerb und der Eigentumsübergang, im Rechtssystem originärer und derivativer Eigentumserwerb genannt.

Derivativ Eigentum erwerben kann man nur von einem sog fehlerfreien Vormann, also von einem anderen Eigentümer. Damit ergibt sich logisch aber eine Rückwärts-Reihenprogression, weil irgendwann ist jedwedes Eigentum einmal Nicht-Eigentum irgendeines Menschen gewesen. Um diese der Idee des Privateigentum inhärente Schwierigkeit zu lösen ist der originäre Eigentumserwerb notwendig: man kann sich einfach etwas nehmen, was irgendwo rumliegt (Strandgut, Müll, «herrenloses» Gut, Berge, Flüsse, Inseln, Tiere) und laut und vernehmlich verkünden, das sei ab jetzt das eigene Eigentum, bei Land zB einzäunen.

Der Diebstahlscharakter wird da ganz deutlich sichtbar: bisher hat das Gut, das Land, das Ding allen gedient, ab jetzt nur mehr dem sog "Eigentümer".

Vielen Naturvölkern — noch mit der Natur verbundenen Völkern  ist daher die Idee des Privateigentums völlig unverständlich  verständlicherweise.